[Review] Supershirt – Der vierte Affe

Titel : Der vierte Affe
Künstler : Supershirt
Label : Audiolith Records
Genre : Electro/Punk
Bewertung : ★ ★ ★ ★ ★ ★ ★ ★ ★ ☆ | 09/10

Der vierte Affe

Supershirt machen wieder Kunst! Am 9. Mai erscheint die EP „Der vierte Affe“, die mit sechs langersehnten Songs daherkommt – vier neue und zwei aus dem letzten Jahr. Sie erscheint ausschließlich auf Vinyl und als Download, letzterer beinhaltet sogar noch zwei Remixe der all-time-favourites „Kauf weniger ein“ und „Teitmaschine“. Die CD hat für Supershirt ausgedient, dafür gibt es zur EP ein E-Book dazu. Man darf gespannt sein, was dort aufs digitale Papier gebracht wurde. Was Faxe System, Tim Brenner und Timo Katze musikalisch vom vierten Affen mitgeteilt bekommen haben und bald an alle Freundinnen und Freunde der tiefsinnigen elektronischen Musik weitergeben, durften wir mit freundlicher Erlaubnis von Audiolith Records bereits vorab durch unsere Boxen jagen.

Die EP

Die drei Rostocker Künstler tragen uns vom Nordpol, durch die Kiezkneipe, mit den Vögeln zurück in die Stadt und über jeden Hype. Dabei sind sie stets politisch, aber nie plakativ. Die drei Affen, die nichts sehen, nichts hören, nichts sagen werden in der Mythologie manchmal von einem vierten begleitet, der für „nichts Böses tun“ steht. Supershirt tun uns mit der vorliegenden Scheibe etwas sehr Gutes vor dem man weder Augen, Ohren noch den Mund zum Diskutieren und Mitsingen verschließen sollte. Der Stil schließt nahtlos an das letzte Album „Kunstwerk“ an, stellt jedoch gleichzeitig eine Weiterentwicklung dar. Anspruchsvolle Texte und Musik werden geboten, ohne den Feierfaktor zu vernachlässigen.

Die Lieder

Klanglich, wie inhaltlich wird ein breites Spektrum von sphärisch schweren Klängen bis zu geraden, harten Aussagen geboten, dafür bedarf es nicht einmal mehren Songs. Verschiedene Stilmittel werden einfach mal geschickt kombiniert und liefern so Song für Song Material, das schwer in Schubladen zu stecken ist. Da gehört es auch keinesfalls hinein.
Die EP beginnt mit dem Track „Aurora Borealis“, der den Wunsch nach Abkapselung von allem Alltäglichen, Irdischen weckt und teilweise hippiemäßige Züge trägt.

„Alles ist erleuchtet
Aurora Borealis
da wo nichts etwas bedeutet
Aurora Borealis
da wo alles egal ist und da wo niemand mehr da ist“

Musikalisch schafft der Song eher fröhliches Assoziationen, die jedoch im folgenden, teilweise wütenden, punkigen „Kiez und Kneipe“ schnell verfliegen. Dieses Lied zeigt, das die Attitüde noch immer A.C.A.B. ist und es Orte gibt, ohne Deadline ASAP. Thematisch setzen sich die drei Wahl-Berliner hier mit der Gentrifizierung von Großstadtkiezen auseinander. „Kiez und Kneipe“ liefert auch eine Durchhaltementalität gegen Verdrängungsprozesse und bedient die Kieznostalgie, die viele Leute in ihrer Stadt so lieben. Zur Not geht es zur Verteidigung bis zum Äußersten:

„Tränengas brennt in der Nase, jemand rennt auf die Straße, besprüht die Wände mit Farbe, dieser Cocktail steht nicht auf der Karte. Manchmal braucht man ein Scheißsymbol, manchmal braucht man keine Vernunft. Sie können uns aus der Kneipe holen, aber nicht die Kneipe aus uns“

Der Titeltrack kommt elektronischer und schneller um die Ecke als die Songs zuvor, mit ernstem Thema aber den allseits bekannten Wortspielen, die auf keiner Supershirt-Platte fehlen dürfen. Und bestimmt steigt Hansa Rostock auch irgendwann wieder auf. „Die Vögel“ kann als Antwort auf „Verlass die Stadt“ vom letzten Album gesehen werden, da die Vögel zurück in die Stadt kommen; quasi von der Skyline zum Bordstein zurück, auf sehr viel höherem Niveau. In „Fackeln und Forken“ geht es wieder punkiger und härter zur Sache, inklusive Gitarrensolo und dem genialen Zitat: „Das Essen von heute ist die Kacke von morgen“. Die EP schließt mit dem Rundumschlag „H.Y.P.E.“, der die Schnelllebigkeit der heutigen Gesellschaft thematisiert, allgemein und an konkreten Beispielen.

„Wenn ein Hype geht, dann kommt ein Hype […] wenn ein Hype kommt, kommt er nicht weit.“

Supershirt scheren sich wenig um Hypes und wenn es einen um sie gibt, ist er nur gerechtfertigt. Mein vor ein paar Jahren erworbenes Supershirt-Shirt wurde leider von der Waschmaschine gefressen.

Der Sound

Harte Bretter, wie „8000 Mark“ gibt es auf der neuen EP nicht, jedoch einen sehr abwechslungsreichen Sound der in Tempo und Intensität häufig zwischen Strophe und Refrain, aber auch zwischen den Songs wechselt. Elektronische Klänge, Gitarrenriffs und auch ein Glockenspiel kommen zum Einsatz. Die angesprochenen sphärischen Klänge spielen eine wichtige Rolle, ohne jedoch die klassischen rockigen Elemente aus Gitarre und Bass zu überlagern. Beim ersten Hören des Anfangs von „Die Vögel“ kam mir zuallererst Polka in den Sinn, aber wahrscheinlich, weil ich ein schlechter Musikgenrezuordner bin. Trotzdem zeigt dies den Facettenreichtum der EP.

Fazit

Schublade – Fehlanzeige! Die Platte hat Partypotenzial, ohne eine gewisse Ernsthaftigkeit und das typische Augenzwinkern vermissen zu lassen. Wortgewandtheit und musikalische Vielfalt im elektronisch-rockigen Spektrum zeichnen den Tonträger aus. Insgesamt typisch Supershirt ohne auch nur eine Sekunde langweilig oder vorhersehbar zu sein. Also Leute kauft euch einen Plattenspieler oder schmeißt den Download an. Live-Termine stehen übrigens auch noch an.

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