Guten Morgen, Braunschweig!

Als sich die schwere Eingangstür mit den letzten herausströmenden Beats öffnet, blenden mich die ersten hellen Sonnenstrahlen des neu angebrochenen Tages. Glänzend weißes Licht gleitet durch meine Finger und lässt meine Augen zu Schlitzen formen. Mein Kopf dröhnt, meine Beine gleichen einer übergroßen Weingummischlange. Das Hemd wird zugeknöpft, der Nikotinrauch aus dem Sakko geklopft und mit hektischen Bewegungen aus dem übrig gebliebendem Haarwachs eine halbwegs gutaussehende Frisur gezwirbelt. Ein Blick nach rechts und ein Blick nach links – Vertautes Terrain.

Ab geht’s die Straße entlang – Vorbei an tüchtigen Flaschensammlern und kotzenden Jugendlichen, vorbei an flackernden Blaulichtern, aufgemotzten Spinnerkarren und streitenden Paaren, die sich gegenseitig mit Schimpfwörtern vollgestopfte Duden an den Kopf schmeißen. Im ZickZack laufe ich zwischen den leeren Glasflaschen und den Flecken nicht identifizierbarer Substanzen entlang. Meine Augen brennen, meine Gehirnzellen feiern, jedoch ohne mich überhaupt eingeladen zu haben. Ein besoffener Clown bietet mir einen Schluck aus seinem Tankstellen-Tetrapackwein an – Ich lehne dankend ab, denn der warme und göttlich duftende Dönerbudengeruch betäubt meine Sinne. Mich zieht es samt Socken aus den Schuhen und ich schwebe wie ein Vogel direkt auf den überdimensionalen Dönerspieß zu. Der Freund am anderen Ende der Theke klatscht nach meinen Wünschen das gesamte Brot voll. Ein prächtiger Speichelfluss lässt sich in aller letzter Sekunde verhindern. Ich zahle 50 Cent zu viel und begründe mit den Worten „weil heute dein Glückstag ist!“. Beim Verlassen des Tempels meiner morgendlichen Retter hinterlasse ich wie einst Hänsel und Gretel eine wegweisende Spur aus Zwiebeln und Kraut. 2 Minuten Inhalieren und mein Gesicht gleicht einem Saustall.

„Schüss, schön’amd noch!“ (Achtung Insider!) hallt es durch meine Ohrmuschel, als ich mit einem Klingeln den Kiosk meines Vertrauens verlasse. Mittlerweile ist es taghell und die ersten arbeitskräftigen Muggel setzen sich in Bewegung. Sonntags! Trottel! .. Ein Schluck aus der Bierflasche – Scheiße, es schmeckt immer noch wie das erste Bier des Abends – Tierisch gut! Erst meine Beine, dann folgt im Gleichschritt mein Oberkörper. Wie der Anführer der Dorftrottel latschen meine Füße Richtung Heimat, dicht gefolgt von einem Schweif einer Geruchsmischung aus Schweiß, Alkohol und kaltem Rauch. Das Display meines Handies feiert eine fette Rauschparty, bekannte Buchstaben verformen sich zu antiken Hyroglyphen. Verpasste Anrufe lassen sich nicht mehr identifizieren, die aktuelle Uhrzeit schon gar nicht. Kurz nach vorne geschaut – Falsch abgebogen – Wo bin ich? Es dauert eine Ewigkeit, bis ich den gelb gepflasterten Pfad nach Oz finde.

Nachdem nun mein gesamter Schlüsselbund im Schloss steckte und ich es mir allmählich auf meiner Fußmatte bequem machen wollte, springt beim allerletzten Versuch die Tür endlich auf. Wie schon in der Dönerbude pflastere ich mit meinen Klamotten einen Weg durch den Flur ins Schlafzimmer, wo ich mich mit einem durchaus sehenswerten Bauchklatscher ins Land der Träume begebe.

Der nächste Tag beginnt – Morgens um 14.30 Uhr. Schmerzen. Ich sterbe. Schmerzen. Mein Oberkörper kommt nicht hoch. Leiden. Schmerzen… Die Bettdecke hängt über meinem Nachttisch, Kissen liegen verstreut im Zimmer herum. Ich folge dem mir unbekannten Weg aus Klamotten ins Badezimmer. Spieglein, Spieglein an der Wand – Man siehst du scheiße aus! Ein Blick in die Küche – Chaos. Das Klirren mehrerer leerer Bierflaschen lässt meinen Schädel fast zum Platzen bringen. Die Zahnräder meines Hirns rotieren wie verrückt, als ich versuche die umherliegenden Puzzleteile zu einem halbwegs sinnvollen Bild zusammenzustecken – Keine Chance. Dreizehn verpasste Anrufe und sechs unbeantwortete SMS, dazu eine Eigennotiz, dessen Sinn ich bis heute suche. Und dann kommt der berühmte Spruch, den wir uns selber schon so oft sagen hören haben: „Scheiße man! Ich trinke keinen Alkohol mehr …“

„ … bis nächsten Freitag.“

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