Fühlen, Wissen und ein ganzes Universum

Wir trafen uns an jenem Ort, an dem wir so viele Male gewesen waren. Dort, wo die zwei verschlungenen Feldwege unverhofft aufeinander treffen und die aus Holzstämmen gezimmerte Bank eines jeden Wanderers Wunsch nach Erholung genüge tut. Es war kühl geworden. Der Herbst lag in seinen letzten Atemzügen. Karger Raureif auf den Ästen der stattlichen Laubbäume kündigte verheißungsvoll die Herrschaftsübernahme Ullers an.

Du hast bereits auf mich gewartet. Vorrausschauend und fürsorglich – was dein Wesen jeher so besonders machte – hast du bereits die Stelle neben dir von Blättern und kleinen Zweigen befreit, so dass ich mich ohne Scheu setzen konnte. Da waren wir, genauso so wie wir es seither und immer waren. Ich zögerte einen Moment ehe ich zu reden begann – überall das, was ich mir vorgenommen hatte dir zu sagen.

Ich hörte meine Worte und während ich sie sprach, fragte ich mich, was sie eigentlich zu bedeuten hatten. `Was verdammt sollte ich nur sagen?` ,dachte ich in meiner Verzweiflung über das was ich jetzt tuen musste. `Wenn irgendjemand auf dieser dich immer wieder in die Knie zwingende Welt mir das beantworten könnte, dann sagt es mir jetzt und hier!‘ ,schickte ich heimlich mein Stoßgebet gen Himmel in der Hoffnung die Wolken würden sich auftun und mir irgendeinen Beistand herbeizaubern.

Ich schaute dir in die Augen und setzte meine Rede fort – und die Diskrepanz zwischen dem was ich fühlte und was ich zu dir sagte, schien mir in der Unendlichkeit zu verschwinden. Ein jedes Mal die gleichen Metaphern und Analogien, die dir nicht schaden, aber nie vollständig der Realität entsprechen konnten. Was hielt mich davon ab die Wahrheit auszusprechen? Vielleicht das Wissen um des Wissens willens, dass ich weiß, dass ich damit allein da stehe. Nicht, weil ich du nicht ähnlich empfinden könntest. Nicht, weil du nicht Anteil daran nehmen wollen würdest. Sondern, weil du niemals das Gleiche fühlen werden wirst. Weil ich nun mal ich und du nun mal du bist und das was zwischen uns ist, nicht viel mehr ist als das, was wir denken vom anderen zu wissen.

Einen Augenblick der Stille folgte, der mir als das Ehrlichste und Reinste zwischen uns erschien und ich ihn mehr als sehnlichst für immer festhalten wollte. In der Annahme der Erwartung einer Antwort hast du wohlwollend und behutsam nach meiner Hand gegriffen und mir mit sanfter Stimme versichert: „Ich weiß wie du dich fühlst. Ich weiß das, weil ich das Gleiche empfinde“
Doch hier ist der Punkt an dem alles endet und alles beginnt. An dem wir uns immer weiter voneinander entfernen werden. Wissen, dass man fühlt, was der andere fühlt. Welche Lächerlichkeit in diesen Worten steckt. Wie argwöhnisch er mich verspottet dieser ach so bedeutungsschwere Satz, den du eben ausgesprochen hast. Denn mein Schatz, auf was ich dich hinweisen muss – wie ein Lehrer seinen Schüler, dass er aufzuzeigen hat bevor er spricht – dass man Wissen niemals fühlen kann und Gefühle niemals wissen. Deshalb weiß ich, dass du nicht wissen kannst, was ich fühle, weil dein Wissen nur eine Vorstellung ist von etwas, was für dich nie erreichbar sein wird.

Schau dich um – nur mal einen Augenblick – und vergegenwärtige dir, wie lange das Menschen schon versuchen, andere fühlen zu lassen was sie selbst fühlen. Musik, Kunst, Lyrik, die wir erschufen einzig allein von dem Wunsch getrieben, dass es irgendwann möglich seien könnte. Irgendwann dieses Ziel erreichen könnten, der Welt oder nur einen einzigen fühlen zu lassen, was man selbst fühlt und sich dann endlich ein Konsens finden lässt über das was wirklich zählt und wir alle wissen was zu tun ist. Nein – wie ich selbst eben in die Falle getappt bin – fühlen was zu tun ist.
Du wurdest still und sahst mich an, wartend auf meine Reaktion. Ich stand auf und sprach: „Es ist schön zu wissen, dass da jemand ist, der weiß wie man sich fühlt.“ Und nahtlos knüpfte ich mit diesen Worten an die größte Lüge des menschlichen Daseins an. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht küsste ich dich auf die Stirn und verabschiedete mich.

Mein Lächeln war dein Friede, weil du nun glaubtest zu wissen, dass es mir gut gehen würde. Doch was ich damit ausdrückte war mein Spott gegenüber dem, was ich eben gesagt hatte. Ich spürte mehr als jemals zuvor, dass zwischen dem was ich weiß und dem was ich fühle mehr als ein ganzes Universum liegt. Hinfällig der Dualismus von Gut und Böse, von Schwarz und Weiß, von Himmel und Hölle – all diese sind vereinbar, mischbar und fassbar. Doch der divergierende Kontrast zwischen Wissen und Fühlen stellt sich als unvereinbare Größe vor all die Zustände meiner Existenz in denen ich mir so viel mehr Worte gewünscht hätte um sie zu beschreiben und aus meiner Ohnmacht erwachend feststellen musste, dass ich dessen niemals fähig sein werde.

Anderthalb

Die verwaschenen Klinker des alten Herrenhauses auf der anderen Straßenseite erinnerten ihn bei jedem Blick aus dem Fenster an ihre Haare. Rostrot. Braun. Meistens schob er den Gedanken einfach wieder zu Seite und widmete sich seinen Unterlagen, Skripten und Büchern. Oder wie der Volksmund sagt: ich geh Facebook. Hin und wieder aber, wenn die Sonne kurz davor war unterzugehen, ging er zum Fenster, setzte sich auf den kleinen Sims über der Heizung, zog die Beine an und versank, mit einer heißen Tasse schwarzen Kaffee in der Hand, in den Erinnerungen.

Wo die Erinnerungen an die vorherigen und anschließenden Semester geprägt waren von Straßenlaternen und verkaterten Klausuren, war dieses eine Sommersemester gezeichnet von kleinen Cafés in unscheinbaren Dörfern, Spaziergängen und Picknick mit Wein an den Ufern verschiedenster Seen der Region. Retrospektiv war jeder Tag ein perfekter Sommertag gewesen. Er konnte sich an jeden einzelnen erinnern. An die Gesprächsthemen und ihre mühsame Aussprache schwerer deutscher Wörter. An ihre Kleider und ihre Frisur. Daran wie die Sonne durch ihre leichten Locken strahlte wenn sie sich über ihn beugte und wie ihre Haare jeden Abend mit der Sonne um das schönere Rot gewettet hatten.

Auf seiner Fensterbank beobachtete er dann immer durch viel zu lang nicht mehr geputzte Fenster, wie die Sonne immer noch um das schönere Rot wettete, aber selbst gegen die verwaschenen Klinker von gegenüber verlor. Mit einem Schmunzeln hob er dann die dampfende Tasse an seine Lippen und trank einen kleinen Schluck Kaffee. Schwarz. Wie sie es immer getan hatte. Sein dunkles Geheimnis. So hatte er es getauft – obwohl jeder wusste, dass er mittlerweile keine Milch mehr in seinen Kaffee goß. Der Kaffee wärmte ihn von innen und erzeugte eine wohlige Gänsehaut.

Die gleiche Art von Gänsehaut die er gespürt hatte als sie das erste Mal zu ihm nach Hause gekommen war. Er hatte sie zum Essen eingeladen. Traditionelle deutsche Küche. Kartoffeln mit Spiegelei und Spinat. Nicht das komplizierteste Essen und auch nicht das deutscheste was er kannte – aber ihr schmeckte es und sie blieb. Auf dem Notausgangstritt vor seinem Dachfenster. Auf dem sie noch lange zusammen in die Nacht geredet, gelacht und getrunken hatten. Bis sie mit den Sonnenstrahlen und seiner Handynummer wieder zwischen den Fassaden der alten Gründerzeithäuser in seinem Viertel verschwand.

Er saß auch jetzt noch in diesem Viertel. Mit Kaffee in der Hand. An einem Fenster. Nur wohnte er nicht mehr unter dem Dach, sondern im zweiten Stock. Zwei Straßen weiter. Bessere Lage. Größere Wohnung. Etwas teuer. Warum er das getan hatte? Wusste er nicht so recht zu verorten. Es war im Wintersemester danach gewesen. Aus einer Laune heraus. Einer Eingebung. Einer Lust. Neues erleben. Unbekanntes entdecken. In gewohnter Umgebung. Retrospektiv vermutlich ein festhalten an ihr. Dem Neuen. Dem Unbekannten. In gewohnter Umgebung.

Eigentlich hatte er genug von Neuem gehabt. Neue Stadt. Neue Freunde. Neues Studium. Neuer Beziehungsstatus. Er wollte einfach in Ruhe studieren und das Leben Leben sein lassen. Aber plötzlich war da sie und wollte die deutsche Küche probieren. Aus einer dem Weltfrieden zuträglichen Stimmung heraus hatte er zugesagt und so wieder Freude daran gefunden neues kennen zulernen. Sie mochte seine Küche und er ihre Aussprache. Sie mochten die gemeinsamen Ausflüge an die Seen der Region. In die kleinen Dörfer mit den verwinkelten Gassen. Die Feste. Sie mochten die Zeit zu zweit, in der sie ihm zeigte wie man trotz vorhandenem Altlasten neue Unbeschwertheit genießen konnte und er versuchte ihr die richtige Aussprache von Finanzminister und Kabarettist beizubringen.

Irgendwann aber neigte sich auch das scheinbar längste ERASMUS Semester dem Ende zu und die schonungslose Planlosigkeit des Sommers wurde auf die bevorstehende Situation übertragen. Sie versicherten sich, dass die Entfernung zwar kompliziert – aber machbar sei. Die Fahrt zum Bahnhof verbrachten beide mit Schweigen und in eigenen Gedanken über die Zukunft verhangen sein. Falls sie miteinander geredet hatten, konnte er sich nicht mehr daran erinnern. Nur der letzte Satz den sie, bevor sie in die ihm fremde Heimat fuhr, in sein Ohr gehaucht hatte blieb von diesem Tag: Nächsten Sommer sehen wir uns wieder.

Gedanken verloren rutschte er von der Fensterbank, schüttelte sich und ging in die Küche. Die dampfende Tasse Kaffee war leer.

Und der nächste Sommer wurde mittlerweile anderthalb.

Tintenmillionär

Aus dem Fundament der Strophen
Stampft er Zeilen aus dem Boden
Lässt sich leiten von Geschichten
Hängt sich rein in Anekdoten

Hat das Inken nie gelernt
Ist trotzdem Tintenmillionär
Mit Schablonen aus Gedanken
Malt er Bilder auf dein Herz

Wie ein Seelenklemptner seinen Wortschatzt aufgeschraubt
Ausgesaugt
Buchstabensalat aus einer Tütensuppe aufgebraut

Alles offenbart was er zu sagen hat
Phrasenschach
Silbenkauf bei Jeopardy
Geöffnetes Vokabelfach

Er greift in seine Kiste voller Zaubertricks wie Copperfield
Catch me if you can
Er kann den Doktor und den Zocker spielen

Lyrische Gedanken fließen aus ihm raus wie Peterstaler
Kribbeln in der Hand wie Finalgon die noch am Zewa dran war

Der Tintenmillionär baut sich ein Haus aus Bahlsens ABC
Vestehst du was ich meine wenn ich sag dass er am Zeiler dreht

Der Duden hat ihn reich gemacht
Wie Hebel bei nem Wall-Street Deal
Beim ersten Satz wird klar
Dass niemand sonst so dieses Wortspiel spielt