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Tag: Schreiben

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Schlüsselreize

Den ganzen Tag über bin ich durch die Stadt gegangen, habe Leute beobachtet, Kaffee getrunken, Leute beobachtet, Klamotten gesucht, MediaMarkt und Saturn nach Perlen längst vergangener Jahre durchsucht und war gegebenenfalls auch ein bis zehn Mal auf dem Klo. Kaffee und so. All das pumpt mein Gehirn stündlich, minütlich ja eigentlich in jeder Sekunde mit Reizen zu. Die Dame in dem knappen roten Oberteil. Das Lied aus meinen Kopfhörern. Der MeraLuna Aufkleber auf der Familienkutsche oder das sich mit Eis bekleckernde Baby. Alles wird irgendwie verarbeitet und abgespeichert für eine eventuelle spätere Evaluation bzw. Auseinandersetzung.

Schlaflos. In fünf Stunden muss ich aufstehen. In meinem Kopf wirbeln Gedanken, Lieder, Textstellen und Zitate wie in einem Mixer durcheinander. Ich probiere sie zu fassen, zu formen, in eine logische Anordnung zu bringen. Aber stattdessen finden sie es viel lustiger mich zu quälen. Sie flüchten vor mir, strecken mir die Zunge raus und rennen weg. Sie wollen nicht das ich sie fasse und zu Papier sukzessive auf den Monitor bringe. Sie wollen lieber ihren Schabernack mit mir treiben. Sie lachen mich förmlich aus, weil ich es überhaupt wage darüber nachzudenken sie in so einen Kontext bringen zu können.

Irgendwann dann, es muss schon weit nach vier Uhr morgens sein, beginnen sie sich langsam abzusetzen. Der Mixer verliert an Geschwindigkeit. Die Tornado wandelt sich in eine leichte Briese. Ich bekomme die ersten Gedanken vernünftig zu fassen. Sofort entspringen ihnen neue Gedanken. Sie formen sich unaufhörlich weiter. Werden dicker und nehmen mehr Gehirnleistung in Anspruch nur um danach wieder kleiner zu werden und anderen Gedanken den Vortritt zu lassen. Ich spiele mittlerweile mit Worten, Sätzen oder auch schon Absätzen. Ich beginne damit mir Überschriften zu überlegen, Lieder die ich damit assoziiere, Texte die ich darüber lass oder Bilder die ich verwenden könnte.

Letztendlich muss ich dann doch nochmal aufstehen und zumindest eine grobe Vorfassung irgendwo hinschreiben. Papier, Handy, Computer, Klopapier. Egal Hauptsache es steht irgendwo wo ich es wiederfinden kann.

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You never shall reply

Zum widerholten Male fällt die mit Tinte vollgesogene Feder auf ein leeres Blatt Papier. Er hatte es wieder nicht geschafft. Wieder waren alle Gedanken Erdrutschartig verschwunden. Aufgesogen von einer ihm unbekannten Macht in seinem Gehirn. Seit einigen Jahren probierte er nun schon diese Worte, diese paar Zeilen, diesen einen Brief, sein Vermächtnis, niederzuschreiben. Frustriert blickte er aus dem Fenster seines Arbeitszimmers. Die fünf Meter entfernte Hauswand des gegenüberliegenden Hauses hatte auch keine Antworten für ihn parat.

Seit er in eine Erdgeschosswohnung umzogen war, hatten sich seine vorher nur leichten Depressionen schubartig verschlechtert. Sein größtes Problem war seine Schreibblockade. Alle seine Ideen die er sich auf den ewig langen Wegen in der U-Bahn, der S-Bahn oder sonstigen öffentlichen Verkehrsmitteln überlegt hatte, waren an seinem Schreibtisch wie fortgeblasen. Selbst seine Notizen halfen ihm dann nicht mehr weiter. Er konnte dann nur noch über den Unfall nachdenken. All diese was wäre wenn Gedanken die immer wieder andere Szenarios in seinem Kopf abspielten. Auch oder gerade deswegen wollte er diesen Brief schreiben.

Bereits kurz nach dem Unfall hatte er den Entschluss gefasst solch einen Brief zu schreiben. Einen Brief der die Zeit übersteht. Einen Brief der zeitlos ist. Einen Brief der nicht beleidigt, nicht lobt, nicht voreingenommen ist. Einfach einen Tatsachenbericht, der ihm hilft die Situation zu verarbeiten. Der ihm Glauben gibt, Kraft verleiht und die Möglichkeit der Vorstellung einer positiven Zukunft erleichtert. Er sollte ein Leben ohne Depressionen in greifbare Nähe rücken. Aber Momentan gelang im das noch noch nicht. Selbst nach Jahren der Gewöhnung war es immer noch schwer für ihn, nicht wie gewohnt an seinem Arbeitsplatz, sondern in einem Rollstuhl zu sitzen. Aber er gab die Hoffnung nicht auf. Morgen würde er es wieder probieren.

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