Jennifer
Kurzgeschichte | Krimi | Oktober 2008
Die dichtgewachsenen Bäume verschwammen zu einem Meer aus Farben und Formen während sich Jennifer, um ihr Leben laufend, durchs kalifornische Unterholz schlug. Sie lief nun seit etwas mehr als 15 Minuten und jedesmal, wenn sie dachte, dass sie ihre Verfolger abgeschüttelt hätte, wurde sie durch eine nur Zentimeter von ihrem Kopf entfernt einschlagende Patrone in die lebensbedrohliche Realität zurückgeholt. Vor gut einer Stunde, als sie das letzte Mal im Auto auf ihrer Karte nach dem Weg gesehen hatte, war sie auf dem Weg zum Ferienhaus ihrer Tante gewesen, welches in der Nähe des King Canyon National Park lag. Jennifer besaß zwar seit kurzem ein Navigationsgerät, welches aber leider die erst vor wenigen Wochen eröffneten Straßen rund um die Region Oakhurst noch nicht kannte und sie somit dazu gezwungen hatte, sich eine Karte zu kaufen. Diese Karte probierte sie nun fieberhaft in ihrem Gedächtnis zu rekonstruieren.
Verzweifelt versuchte sie heraus zu finden, in welche Richtung sie laufen musste, um zumindest eine kleine Siedlung oder auch nur eine Häuseransammlung zu finden. Während sie sich weiter immer tiefer in den Wald schlug, riefen die Verfolger zum wiederholten Male ihren vollen Namen und forderten sie auf sofort stehen zu bleiben. Die kurzzeitige Überraschung ,dass die anderen Ihren vollen Namen wussten, brachte sie ins Stolpern was sofort mit mehreren dicht aufeinander folgenden Schüssen von Seiten der Verfolger quittiert wurde. Ohne weiter an Ihren Namen zu denken rannte sie immer noch so schnell es ging durch den Wald, als sich dieser urplötzlich vor ihr öffnete und den Blick auf einen kleinen Fluss freigab. Sie hielt für maximal eine Sekunde inne und verlies sich dann einfach auf ihr Bauchgefühl und rannte weiter geradeaus direkt auf das Flussbett zu. Die erste Berührung mit dem Wasser war kälter als sie erwartet hatte, aber in Ihrer Todesangst lief sie einfach weiter in den Fluss hinein, während zwei Kugeln nur dicht neben ihr einschlugen und kleine Kreise auf der Oberfläche hinterließen.
Als sie schon bis zum Bauch im Wasser war, wurden ihr auf einmal abrupt von einer Unterwasserströmung von den Füßen gerissen und verschwand prustend im Wasser. Gegen die Strömung anschwimmend versuchte sie sich wieder an die Oberfläche zu kämpfen, doch diese besaß eine viel gewaltigere Stärke als Jennifer erwartet hatte. Als sie endlich wieder nach Luft schnappen konnte, sah sie, dass sie mehrere hundert Meter flussabwärts getrieben worden war und somit einen etwas größeren Abstand zu ihren Verfolgern aufgebaut hatte. Diese ließen allerdings nicht locker und liefen am Ufer auf sie zu. Jennifer kämpfte sich durchs Wasser und erreichte nach einer für sie unendlichen Minute das andere Flussufer.
Ohne sich noch einmal umzudrehen lief sie auf das dichte, Sicherheit bietende Unterholz direkt vor ihr zu. Allerdings kam sie nur schleppend voran, da ihre Kleidung von dem ganzen Wasser, kalt und unbequem geworden, schwer auf ihr lastete und Jennifer somit dazu zwang sich zumindest teilweise auszuziehen. Im Nachhinein betrachtet, würde Jennifer vermutlich sagen, das dies der Augenblick war der sie in die Fänge ihrer Verfolger trieb. Allerdings wäre dies mit Kleidung an über kurz oder lang auch passiert, da ihre Verfolger bereits Verstärkung angefordert hatten und somit drei weitere Personen, aus der anderen Richtung kommend nach ihr suchten. Und so kam es, dass sich genau in dem Moment als sie loslaufen wollte eine Pistole in ihr Blickfeld schob und ihr damit unmissverständlich zu verstehen gab, dass die kleine Reise nun vorbei ist. Den Rest nahm Jennifer nur noch im Trance wahr, wie der zweite Verfolger ihr seine Marke hinhielt und sagte: „Jennifer Bishop sie sind festgenommen. Ihnen werden die Flucht aus einem Bundesgefängnis sowie der Mord an mindestens drei Menschen zur Last gelegt. Alles was sie nun sagen kann und wird vor Gericht gegen sie verwendet werden.“ In diesem Augenblick erschien die Verstärkung und führte Jennifer in Handschellen gelegt zu einem nahe gelegenen Feldweg auf dem das Polizeiauto mit noch eingeschaltetem Blaulicht bereits wartete. Mit dem zuschlagen der Tür neben ihr fiel Jennifer Bishop in einen unruhigen Schlaf.