roadeo.de Zwischen Dekadenz und Armutsgrenze

30Jun/10

Es tut mir leid

Langsam und behutsam um ja kein Geräusch zu verursachen tastete er sich auf der alten Kellertreppe voran. In den Händen balancierte er ca. 15 Geschenke. Die ganze letzte Woche war er unter Ausreden wie z.B. länger arbeiten zu müssen, etwas mit den Jungs zu unternehmen oder einfach beim Sport zu sein, in die Stadt gefahren und hatte all die Dinge gekauft von denen er (noch) wusste das sie sich darüber freuen würde. Natürlich war im klar, dass das letzten Endes viel zu übertrieben war, immerhin waren es nur ihr Jahrestag. Aber die letzten Monate hatten ihren Spuren am Fundament der Beziehung hinterlassen.

Immer wieder hatten sie sich in die Haare bekommen. Hatten sich angeschrien, Tage lang nicht miteinander geredet, in getrennten Zimmern geschlafen und Sachen durch die Gegend geworfen. Allerdings hatten sie sich auch immer wieder zusammengerafft und die letzten Wochen waren wie der Beginn einer neuen Beziehung gewesen. Sie hatten wieder zusammen rumgealbert, waren im Kino, im Zoo, Eis essen und haben auf ausgedehnten Spaziergängen viel über ihre gemeinsame Zukunft gesprochen.

Das Licht im Haus war bereits ausgewesen als er die Kellertür aufgeschlossen hatte. Da sie heute nicht mehr mit ihm gerecht haben konnte, er war ihrer Meinung nach auf Geschäftsreise am anderen Ende des Landes, lag sie wohl schon im Bett. Gerade deshalb war er so spät gekommen, damit er in aller Ruhe die Geschenke im Wohnzimmer aufbauen konnte. Liebevoll machte er sich an die Arbeit. Die größeren nach hinten, die kleinen nach vorne. Er baute die Geschenke wie ein Amphitheater auf, in dessen Mitte ein riesen großes Plüschherz lag, bedeckte alles mit Rosenblättern und beschloss spontan die Überraschung vor zu ziehen.

Eigentlich hatte er vorgehabt auf dem Sofa zu schlafen und sie am nächsten Morgen komplett zu Überraschen, aber da er die Vorfreude über ihre Freude nicht mehr aushalten konnte, holte er noch schnell einige Kerzen aus dem Schrank und stellte sie ebenfalls in das Amphitheater. Danach ging er in Richtung Schlafzimmer. Ohne Licht an zu machen, ging er auf Zehenspitzen, um sie nicht zu wecken, durch den ihm seit nun mehr drei Jahren wohl vertrauten, stockdunkelen Raum zu Ihrem Nachttisch.

Als er das Licht anmachte, hatte sie ihm wie so oft in ihrer Beziehung die Worte vorweg genommen. Auf ihrem Kissen lag nicht ihr Kopf sondern nur eine Brief mit den Worten: Es tut mir leid!

6May/10

Sie sieht es nicht

siesiehtesnicht

Durch den Nieselregen fallen ihr die blonden Haare scheinbar ungekämmt ins Gesicht. Sie lächelt verschmitzt, ihre funkelnden Augen faszinieren mich. Wir reden über das Leben, das Wetter und Gott und die Welt. Über alles. Über nichts. Zumindest nicht über das was für mich von Bedeutung ist. Über Sie.

Während sie spricht, bilden sich die Wörter in ihre Silben zurück und ergeben ein harmonisches Klangkonstrukt das meinen Puls steigen lässt. Irationalität macht sich breit. Die Bedeutung ihrer Worte verliert für mich in dieser Sekunde an Bedeutung und tritt hinter die Tatsache das sie redet, mit mir redet, zurück. Ich will ihr die Problematik, meine Problematik, die Problematik der Situation, das Verhängnisvolle erklären - aber ich kann es nicht.

Ich will sie in den Arm nehmen, einfach da sein. Sie halten, sie schützen, ein Lächeln auf ihre Lippen zaubern. Immer und immer wieder. Einfach die Welt vergessen - nur wir zwei. Kein Morgen, kein Gestern, nur das Hier und Jetzt. Während ich weiter träume, reißen mich ihre letzten Worte schlagartig zurück in die verregnete Realität dieser Nacht.

Wir sollten schlafen gehen, es ist schon spät. Obwohl meine Wohnung nur zwei Straßen weiter liegt, lasse ich sie nach Hause fahren. Fast viermal soweit. Während sie auf dem Fahrrad davon fährt, sehe ich ihrem vom Wind verspielten Haar hinterher. Sie sieht es nicht.

Sie sieht es nicht | Mai 2010

3Feb/10

Und jetzt?

Nachmittag. Es wird langsam Dunkel. Auf meinem Schreibtisch drei Skripte und vier Staffeln “The West Wing”. Ich hocke in meinen kleinen überschaubaren 50qm und schaue geistesabwesend aus dem Fenster. Eigentlich sollte ich lernen, eigentlich sollte ich Psychologie lesen, eigentlich sollte ich meinen meinen verdammten Kopf nach unten neigen und lesen was auf den Unterlagen vor mir steht. Doch ich guck lieber aus dem Fenster.

Draußen erblicken zum ersten Mal in diesem Jahr Strahlen der Sonne für mehr als zwei Stunden hintereinander das Antlitz dieser Erde.  Es ist wunderschön entspannend. Die Kirchturmspitze, 100 Meter weiter, funkelt wie ein Diamant in den warmen Strahlen. Kurz bevor ich das Haus verlasse, tausche ich noch schnell im Bad die Brille gegen meine letzten Tageslinsen. Im Auto freue ich mich dann wie ein Schneekönig über die Möglichkeit meine Sonnenbrille endlich wieder aufsetzen zu können.

Die Idee meine Jacke zu Hause zu lassen, stellt sich in dem Moment als suboptimal heraus, in dem Hendrik beschließt noch eine zu Rauchen bevor wir wieder nach Hause fahren. In meinem wunderbaren vierten Stock angekommen mache ich als erstes alle Fenster auf und auch die restlichen Jalousien hoch. Es wird 13:00 Uhr. Meine Schicht fängt an. Den Laptop stelle ich so, dass ich aus dem Fenster gucken kann. Die Unterlagen liegen weiterhin vor mir. Die Stunden vergehen. Ich lese Berichte im Internet, beantworte eine Support-Anfrage und schaue immer wieder aus dem Fenster. Auf den langsam tauenden, traumhaft glitzernden Schnee.

Mittlerweile ist es dunkel. Der Schnee glitzert nicht mehr. Der besondere Moment, dieses Mystische, dieses simple einfache Winterglück, es ist vorbei. Meine Psychologie Unterlagen drängen sich stärker und stärker in mein von der Dunkelheit traurig gestimmtes Gedächtnis. Ich sollte lernen! Ich will nicht! Und jetzt?

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