roadeo.de Zwischen Dekadenz und Armutsgrenze

25Aug/10

You drive along every day

Das monotone Brummen unter seinem Hintern veränderte sich in ein angenehmes Vibrieren. Während die Musik in seinen Ohren von einem pumpenden Bass zu einem schnellen Gitarrenstück wechselte setzte sich der Bus langsam in Bewegung. Ein Blick auf die Uhr. Dreißig Minuten noch. Er rutschte etwas tiefer in den Sitz und machte es sich bequem. So bequem wie es halt ging in einem Linienbus. Die Stadt zog wie ein zu lang gezogenes Kaugummi an seinen Augen vorbei. Vereinzelt blieben seine Blicke wahllos an Bäumen, Autos oder Häusern hängen.

Der Regen, die Wärme im Inneren und die Kälte außerhalb des Busses jedoch verhinderten einen allzu genauen Blick auf die Welt um ihn herum. Tief in Gedanken versunken fuhr er durch die Stadt. Er ruckte kurz nach vorne.  Wieder eine rote Ampel. Im gleichen Augenblick sah er sie. Verpackt in einen dicken Pelzmantel um sich gegen die nasse Dezemberkälte zu schützen stand sie an der Straße und wartete wohl genauso wie der Bus auf die nächste Grünphase. Ob ihr Anblick oder das abrupte Bremsen des Busfahrers für die Rückkehr in die Wirklichkeit verantwortlich war, würde er später nicht mehr 100%ig sagen können.

Mit einem weiteren Ruck fuhr der Bus an. Die Fußgängerampel blieb rot. Langsam bog der Bus um die Kurve. Schritt für Schritt gab ihm die Welt den Blick auf ihr Gesicht frei. Blitzschnell hatte er die beschlagene Scheibe gesäubert um sie besser sehen zu können. Die mittellangen dunkelbraunen Haare waren ihm bereits an der Ampel aufgefallen. Endlich konnte er ihr Gesicht im Portrait sehen. Er verlor sich fast ihn ihren Augen. In ihren wunderbaren braunen Augen. Die Zeit schien still zu stehen. Es gab nur noch sie. Ihre Augen. Ihr Gesicht. Ihre Ausstrahlung. Und ihn. Ihre Blicke kreuzten sich und mit einem verschmitzten Lächeln verschwand sie aus seinem Blickfeld. Instinktiv drückte er die Stoptaste. Hoffte auf eine Notbremsung.

Der Bus fuhr weiter. Er drehte sich um. Allerdings konnte er sie nicht mehr sehen, der Rest des Busses nahm ihm die Sicht. Er fluchte innerlich. Die nächste Haltestelle war noch fünf Minuten entfernt. Die Musik wechselte zu einem ruhigen Klavierstück. Langsam sank er zurück in seinen Sitz. Ein weiterer Blick auf die Uhr. Zwanzig Minuten noch. Als das monotone Brummen an der nächsten Haltestelle wieder einsetzte war er bereits wieder in seiner eigenen Welt und ließ die Stadt ohne besonderes Interesse an sich vorbeiziehen.

16Jul/10

Das Schließen der Tür

Durch den Spalt der sich gerade schließenden Tür konnte er noch das Tropfen ihrer Tränen auf dem kalten Steinboden im Flur hören. Sie war vor ihm Zusammengebrochen. Obwohl er es wollte, hatte er sie nicht festhalten können. Selbst als sie unter Tränen zu ihm aufgeblickt hatte und ihn gebeten, nein angefleht hatte nicht zu gehen, selbst da hatte er sich nicht überwinden können zu bleiben. Das kurz aufgeflackerte Mitleid war von dem unbändigen Hass ihr gegenüber sofort wieder verdrängt worden. Er wusste das er ihr nie würde vergeben können.

Vor mehr als sechs Jahren hatten sie sich kennen gelernt. Es war Liebe auf den ersten Blick. Sie war sein Leben gewesen. Er hätte alles für sie getan. Die Überstunden in der Firma hatte er nur für sie auf sich genommen. Sie hatte ihn nie dazu gezwungen, er hatte es freiwillig gemacht. Für sie. Für sich. Für beide. Für ihre Zukunft. Für ihre Beziehung. Er wusste das er seine Traumfrau gefunden hatte, sie scheinbar nicht. Entweder hatte sie es nie verstanden was sie ihm bedeutet hatte oder es war ihr egal gewesen. Sie hatte die Beziehung zerstört. Ihn zerstört, sein Vertrauen, seine Welt und alles was ihm Halt gegeben hatte.

Wie so oft hatte sie nur an sich gedacht. Nicht an ihn. Nicht an die Beziehung. Überhaupt hatte sie wieder nur ihr Ego im Kopf gehabt. Immer wieder diese Egotrips von ihr. Das hatte ihn immer aufgeregt, aber seine Liebe für sie war zu groß gewesen als das er es ihr hätte sagen können. Es war ihm auch egal gewesen. Aber dieses mal war sie zuweit gegangen, sie hatte seinen Stolz mit Füßen getreten. Er hörte sie schreien durch die schluchzenden Atemversuche. Sie machte ihn Wahnsinnig. Obwohl er sie hasste, wollte er sie trösten. Seine Liebe und sein Hass rissen ihn innerlich auseinander. Er musste hier weg bevor er sich selbst betrog.

Von einer Sekunde auf die andere hörte das Schluchzen, das Schreien, die Verzweiflung über den Fehler den sie begangen hatte auf. Die Tür war zugeschalgen. Mit der Tür schloß sich auch die Truhe mit den Errinerungen an sie. Langsam, aber sie begann sich zu schließen. Während er sich die Kopfhörer in die Ohren steckte und die Musik auf seinem Handy anmachte, dachte er über die Zukunft nach. Er wusste das er lange brauchen würde, Monate wenn nicht Jahre, bevor er wieder jemandem so Vertrauen könnte. Sie hatte viel von ihm zerstört. Sie hatte ihn gezeichnet. Für immer. Aber der Schritt in die Sonne dieses lauwarmen Sommertages ließ ihn positiv in die Zukunft blicken.

Die vom Schmerz verzehrten hysterischen Schreie bekam er nicht mehr mit. Er hatte ihre Gegend schon lange verlassen. Sie daraufhin die Welt. 

7Jul/10

You never shall reply

Zum widerholten Male fällt die mit Tinte vollgesogene Feder auf ein leeres Blatt Papier. Er hatte es wieder nicht geschafft. Wieder waren alle Gedanken Erdrutschartig verschwunden. Aufgesogen von einer ihm unbekannten Macht in seinem Gehirn. Seit einigen Jahren probierte er nun schon diese Worte, diese paar Zeilen, diesen einen Brief, sein Vermächtnis, niederzuschreiben. Frustriert blickte er aus dem Fenster seines Arbeitszimmers. Die fünf Meter entfernte Hauswand des gegenüberliegenden Hauses hatte auch keine Antworten für ihn parat.

Seit er in eine Erdgeschosswohnung umzogen war, hatten sich seine vorher nur leichten Depressionen schubartig verschlechtert. Sein größtes Problem war seine Schreibblockade. Alle seine Ideen die er sich auf den ewig langen Wegen in der U-Bahn, der S-Bahn oder sonstigen öffentlichen Verkehrsmitteln überlegt hatte, waren an seinem Schreibtisch wie fortgeblasen. Selbst seine Notizen halfen ihm dann nicht mehr weiter. Er konnte dann nur noch über den Unfall nachdenken. All diese was wäre wenn Gedanken die immer wieder andere Szenarios in seinem Kopf abspielten. Auch oder gerade deswegen wollte er diesen Brief schreiben.

Bereits kurz nach dem Unfall hatte er den Entschluss gefasst solch einen Brief zu schreiben. Einen Brief der die Zeit übersteht. Einen Brief der zeitlos ist. Einen Brief der nicht beleidigt, nicht lobt, nicht voreingenommen ist. Einfach einen Tatsachenbericht, der ihm hilft die Situation zu verarbeiten. Der ihm Glauben gibt, Kraft verleiht und die Möglichkeit der Vorstellung einer positiven Zukunft erleichtert. Er sollte ein Leben ohne Depressionen in greifbare Nähe rücken. Aber Momentan gelang im das noch noch nicht. Selbst nach Jahren der Gewöhnung war es immer noch schwer für ihn, nicht wie gewohnt an seinem Arbeitsplatz, sondern in einem Rollstuhl zu sitzen. Aber er gab die Hoffnung nicht auf. Morgen würde er es wieder probieren.

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