Von der Zeit und den Wunden

Ich glaube es war in der dritten Klasse, evtl auch schon in der zweiten, als ich mich das erste Mal “verliebt” habe. Steffi hieß die Dame meiner Träume. Dass das nicht so wirklich beidseitig war, haben wir nach einem Kuss gemerkt. Sie war weg. Bei Daniel. Ich war traurig. Alleine. Das ist die erste Erinnerung die ich bewusst an der Satz von der Zeit und den Wunden habe. Mama hat ihn damals zu mir gesagt. Zeit heilt alle Wunden. Ich glaubte ihn. Jung, klein und naiv wie ich war. Aber vermutlich sind Mütter wirklich die einzigen die das ernsthaft glauben.

Aber hier soll es nicht um Steffi gehen. Steffi hab ich ja schon seit der Vierten nicht mehr gesehen. Ich denk auch schon lange nicht mehr an sie. Liegt das jetzt an der Zeit? Nein. Wie auch. Das wäre zu einfach gedacht. Die Zeit ist eine Erfindung des Menschen um Fortschritt zu messen. Wie kann eine Erfindung zum Begreifen der Umwelt etwas heilen was real auch nicht existent ist. Einbildung heilt Einbildung? Das ist Wahn in seiner reinsten Form. Wir übertragen die Tatsache das real existierende Wunden nicht von heute auf morgen durch chemische bzw. biologische Prozesse geheilt werden, auf die Dinge die wir nicht verstehen. Unsere Gefühle. Aber Gefühle heilen nicht durch naturgegebene Prozesse.

Wodurch heilen Gefühle dann? Andere Gefühle! Oder anders: Freunde, Familie, Urlaube, Konzerte, Erfahrung. Die Erfahrung dieser Dinge ist runtergebrochen auch nur ein Erleben von Gefühlen. Glück, Hoffnung, Vertrauen, Freude werden hier real manifestiert. Da wir diese Dinge aber nicht alle auf einmal erfahren können, sagt der Volksmund “Zeit heilt alle Wunden!” Der Volksmund ist faul. Er verallgemeinert immer soweit, dass auch jeder einzelne etwas darin lesen kann. So kann er erklären ohne wirklich zu erklären. Das hat er mit der Zeit gelernt. Er hat die Realität kontinuierlich beobachtet und hat sich im Fortschritt dieser immer weiter angepasst.

So verlassen wir uns darauf das die Zeit alle Wunden heilt und treffen uns während dieser mit Freunden, gehen feiern, gucken uns unsere Lieblingsbands an und feiern Onkel Justus 50. Geburtstag. Reale Erlebnisse in Gefühle verpackt verdrängen die anderen negativen Gefühle und geben uns unser positives Weltbild zurück. Da diese Ereignisse aber immer nur Tröpfchen Weise passieren, schieben wir die Verantwortung auf die Zeit. Dabei liegt es in Wahrheit an uns diese Gefühle in Taten umzusetzen und uns so selbst aus der Miesere zu holen. Bis die nächste Steffi vor der Tür steht. Aber das wird die Zeit zeigen ob sie kommt oder nicht.

Ein geistige Waisenhaus

Aufgrund der aktuellen Feiertage begab es sich, dass ich alleine in meinen sechs Wänden sahs und nicht so recht wusste was ich tun sollte. Serien gucken? Designen? Lesen? Ja klar, aber das hatte ich schon die letzten Tage immer wieder gemacht. Also habe ich Google angeworfen und aus Spaß nach “was tun wenn man alleine zu hause ist” gegoogelt. Ergebnis – erschreckend. Über 4,4 Millionen! MILLIONEN! Ergebnisse. Das hat mir irgendwie zu denken gegeben. Es gibt ernsthaft Menschen, die NICHTS mit ihrer Zeit anzufangen wissen und dann bei “GuteFrage.de” oder ähnlichen Seiten fragen, was sie denn tun können!

Sicherlich empfindet jeder mal Langeweile und weiß auch nicht so recht was er machen soll bzw. findet das was er machen könnte als nicht erstrebenswert – aber im Internet nachfragen? Wie kann man so wenig Kreativität besitzen und sowas ernsthaft nachfragen. Selbst wenn man nicht gerne ließt und alle Serien und Filme gesehen hat die einen interessieren, kann man immer noch Fun-Seiten im Internet ansurfen und dort mal eben zwei Stunden vertrödeln. Aber doch nicht in einem Forum nachfragen was man machen kann. Das ist wie im Fitness-Center zu fragen, wo man hingehen soll um Muskeln aufzubauen. Warum telefoniert man nicht einfach oder chattet oder schläft. Es meckern doch eh immer alle das sie nicht genug Schlaf haben. Ich versteh es nicht.

Liegt das an unserer Generation? Sind wir zu übermedialisiert, dass wir denken es muss IMMER was passieren? Können wir nicht fünf Minuten einfach für uns sein? Die Zeit Zeit sein lassen und durchatmen? Haben wir evtl sogar ein schlechtes Gewissen und nutzen die Zeit deswegen nicht für unnütze Dinge, sondern wollen etwas sinnvolles tun obwohl wir darauf keine Lust haben? Stecken wir in einem Paradoxon zwischen ich muss, will aber nicht und will, aber darf nicht, weil ich muss? Oder sind wir einfach zu faul, unkreativ und dumm um uns noch vernünftig zu entspannen ohne das uns langweilig wird?

Das sollte ich mal im Internet erfragen. Da gibt’s immerhin genug Meinungen!

Der Tag an dem Michael Jackson starb

Dieser Zug endet hier. Ich steige aus und beginne in tiefen Zügen meiner Seele nach einer langen Fahrt Frieden zu geben. Einzig es gelingt mir nicht. Michael Jackson ist heute gestorben. Er war zwar nie ein Teil meines Lebens und doch war er immer da. Er hatte seinem Lebenswerk schon seit mehreren Jahren nichts mehr hinzuzufügen gehabt, und doch hatte man ihn zwar in einen hinteren Winkel der bewussten Gesellschaft verschoben aber dennoch noch nicht mit ihm abgeschlossen. Wo waren wir als es geschah?

Ich war auf meinem Weg nach Amsterdam und so ist es wohl auch weniger der Tod der Ikone selbst, welche mich auf diese Tage zurückschauen lässt als vielmehr die Tage selbst, welche durch dieses Ereignis mit einer Wegmarke versehen wurden, die ich in meinem Leben niemals vergessen werde.

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