StudiVZ – Eine Kopie stirbt aus!

Es muss so um das Jahr 2007 gewesen sein, als ich zum ersten Mal von StudiVZ hörte. Vorher war ich in einem kleinen sozialen Netzwerk angemeldet, welches sich bei der Nutzerakquise auf die Heimatstadt und Umgebung beschränkt hatte. Auf unserem Informationstechnik lehrenden Fachgymnasium war dieses neue, mit tausenden Funktionen gespickte, soziale Netzwerk natürlich der Shit. Ich glaub in nur einer Stunde Netzwerktechnik haben sich alle 15 Schüler meiner Klasse dort angemeldet gehabt. Nach einem Monat waren fast alle Freunde aus der Stadt und Umgebung dort angemeldet und das lokale Netzwerk wurde vergessen. Man probierte es mit einem neuen Design, einer neuen Domain und ganz viel neuen Mitarbeitern. Es half alles nichts – StudiVZ war einfach besser und innovativer. Vermutlich wiederholte sich zu diesem Zeitpunkt diese Art von Massennetzmigration in jeder größeren deutschen Stadt und StudiVZ wurde somit fast über Nacht das größte soziale Netzwerk in Deutschland.

VZ Logo

Wir gründeten Gruppen mit lustigen Namen oder traten, wenn wir selbst zu humorbefreit waren, lustigen Gruppen bei. Ganze Schulstunden wurden damit verbracht Gruppen zu suchen, Nachrichten zu schreiben oder Freunde zu „stalken“ (sprich Profile durchlesen, Gruppen ansehen, Freunde ausfindig machen, usw…). Fotoalben wurden hochgeladen, Menschen verlinkt und wir fanden die erste Freunde die den Status als Tagebuch missbrauchten. Der ganze Spaß war nicht einmal drei Monate alt als ich mitbekam, dass StudiVZ angeblich geklaut sei. Von einer ominösen Seite namens Facebook aus Amerika – also Firefox angemacht und hingesurft. Siehe da, das Design war zur damaligen Zeit praktisch eins zu eins übernommen, nur in rot. Nach der ersten Anmeldung empfand ich StudiVZ übersichtlicher, was wohl daran lag, dass Facebook schon damals viel mit Whitespace gearbeitet hat und somit eher weniger auf farbige Ränder setzte – ganz im Gegensatz zu StudiVZ. Doch mit ein wenig Gewöhnungszeit war Facebook klar übersichtlicher und vor allem strukturierter. Bis auf die Gruppen Ansicht. Da muss man für StudiVZ eine Lanze brechen, das hat Facebook bis heute nicht vernünftig geschafft. Ich begann darauf hin meine Freunde und Kollegen zu bequatschen doch gefälligst das Netzwerk zu wechseln, da sobald Facebook einmal in Deutschland starten würde, StudiVZ eh über kurz oder lang untergehen würde.

Einige wechselten, andere meinten nur Facebook ist scheiße viel zu unübersichtlich. Zur selben Zeit brachte StudiVZ die Ableger SchülerVZ und MeinVZ heraus. MeinVZ für die Arbeitswelt. SchülerVZ für die Schulwelt. Man wollte alles abdecken und musste besonders mit dem Blick auf Minderjährige und Jugendschutz ein eigenes Netzwerk für Schüler errichten. Die Antwort von Facebook folgte dann auch relativ bald. Deutschlandstart und eine Klage wegen dem Diebstahl geistigen Eigentums.

Demnach hat das Tochterunternehmen [StudiVZ] der Stuttgarter Holtzbrinck-Gruppe so ziemlich alles geklaut, was man bei Facebook klauen konnte – angefangen mit der Anstups-Funktion (Poke) über die Pinnwand (Wall) bis hin zum kompletten Design.

Facebook Logo

Ob und in wie fern Facebook jetzt die Klage wirklich gewonnen hat, ist für mich irgendwann nicht mehr relevant gewesen. Kurz nachdem Deutschlandstart von Facebook begannen die Leute reihenweise zum neuen Netzwerk zu migrieren. Wie damals im Jahre 2007, als die Leute vom kleinen lokalen Netzwerk zum nationalen großen Netzwerk wechselten. Geschichte wiederholt sich. Diesmal zog man vom kleineren nationalen Netzwerk zum größeren globalen Netzwerk. Funktionsunterschiede, ein besseres (moderneres) Design und die Tatsache Applikationen (Farmville & Co) benutzen zu können, brachte StudiVZ in Zugzwang. StudiVZ reagierte mit Edelprofilen (zum aller ersten Mal zur Bundestagswahl 2009) um sich mit der präferierten Partei und später auch mit berühmten Personen bzw. Unternehmen zu verbinden. Ein nettes Gimmick, welches Facebook bereits seit Beginn als FanPages beinhaltete. Die Leute liefen immer noch in Scharen davon und StudiVZ begann zu verweisen. Das muss so um das Ende 2009 gewesen sein. Im Jahre 2011 vollzog StudiVZ ein wählbares Redesign. Alles neu, alles dynamisch aber optisch irgendwie halbgar und stark nach zusammenschustert aussehend. Bestimmt nicht wegen dem StudiVZ Redesign, aber dennoch als passende Antwort bringt Facebook im Jahre 2012 seine neue Profilansicht „Timeline“ heraus. Modern, klar, übersichtlich (schlagt mich doch dafür, ich finde die übersichtlich).

Vor ein paar Tagen dann die Meldung von Holtzbrinck: Es werden 25 der ungefähr 70 Stellen gestrichen und es soll eine Neuausrichtung der VZ-Netzwerke geschehen. Diese wurde zum Teil an diesem Montag vorgestellt. SchülerVZ, eine gute Nischenmarke (da Facebook erst Anmeldungen ab 13 Jahren erlaubt) soll umbenannt werden in Idpool.de. Zusätzlich soll es von einem reinen sozialen Netzwerke zu einer Art Lernplattform ausgebaut werden. Die Zukunft von StudiVZ und MeinVZ sind bisher ungewiss. Noch werden sie nicht geschlossen, da sie laut der Holtzbrinck-Gruppe immer noch Gewinn abwerfen und Werbepartner vollkommen zufrieden sind. Welche relevante Zielgruppe diese Werbetreiber haben ist mir zwar nicht ersichtlich, aber es scheint eine zu geben. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Besucherzahlen von StudiVZ über die letzten Jahre drastisch eingebrochen sind (siehe Grafik). Zudem hat Facebook nach inoffiziellen Studien von Werbetreibenden mittlerweile über 25 Millionen Mitglieder in Deutschland. StudiVZ dagegen ca. 5 Millionen.

Besuchszahlen deutsche soziale Netzwerke
© Spiegel 2012

Der Ciceroblogger Christian Jakubetz schreibt nun unter dem Titel „StudiVZ: Vom Leben und Sterben der Scheinriesen“ das StudiVZ nicht an mangelnder Innovation oder der schon vorhandenen Größe von Facebook gescheitert ist, sondern an der im Netz nicht vorhandenen Ressource Loyalität. „Die Herde geht dahin, wo alle sind“ Cicero 11.06.2012. Eine durchaus interessante, aber für mich falsche Annahme. Es wird hier insbesondere mit dem Untergang von MySpace & Co argumentiert, aber auch da stellt sich die Frage: Wieso sind alle weggegangen? Weil der Rest schon da (beim Neuen) war? Wie kann der Rest schon da gewesen sein, wenn das Netzwerk gerade neu ist? Jedes Netzwerk welches ein anderes Netzwerk angreifen will, braucht etwas neues, etwas was noch nie da gewesen ist. Niemand wechselt von einem Netzwerk in dem praktische alle Freunde angemeldet sind in ein praktisch (für den einzelnen) leeres Netzwerk ohne einen enormen Mehrwert darin zu sehen. Facebook bot die oben genannten Vorzüge gegenüber seinem deutschen Pendant plus den Mehrwert der internationalen Vernetzungsmöglichkeit.

Es ist demnach nicht so einfach zu behaupten, dass man vom Ende von StudiVZ auf ein mögliches (also vorhersehbares aber gerade vollkommen undenkbares) Ende von Facebook schließen könnte, da die Umstände gänzlich andere sind und Loyalität hier die wichtigste Ressource ist. Denn man ist eher in dem Netzwerk, in dem (fast) alle Freunde angemeldet sind – in diesem Falle in einem über 920 Millionen Nutzer schweren.

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2 Kommentare

  1. Ich glaube, dass der Punkt nicht ist, dass Facebook einen wahnsinnig großen Mehrwert geboten hat (auch wenn das mittlerweile zweifellos der Fall ist), sondern dass der Reiz des Neuen viele StudiVZ-Nutzer anfangs dazu bewegt hat, zweigleisig zu fahren.

    Als dann genügend Benutzer auch bei Facebook angemeldet waren, also eine kritische Masse erreicht war, stieg die Nutzerzahl exponentiell an (Stichwort: Netzwerkeffekt) und StudiVZ verödete, da beide Netzwerke nun gleichermaßen mit Freunden „bevölkert“ waren, sodass die technischen Innovation bei Facebook, kombiniert mit der Möglichkeit, auch ausländische Freunde zu finden, die Nutzer binden konnten.

    1. Naja, ein Teil der Nutzer (Early Adopter und so) sicherlich. Wir waren ja auch ganz vorne mit dabei. Aber der Großteil der Masse ist dann dahin gewandert, weil es einfach einen Mehrwert bot und nicht wegen der nicht vorhandenen Loyalität. Würde das zutreffen, wäre doch G+ längst the next big thing. Weil siehe da es ist gleichermaßen bevölkert, dennoch bleiben die meisten Nutzer Facebook loyal, weil G+ ihnen keinen Mehrwert bietet. Deshalb glaube ich das die Aussage des Cicero falsch ist.

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