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August 2011 - roadeo.de

Am Ende war es still…

Wie jeden Morgen sitzt er einsam und verlassen an seinem Schreibtisch, genießt das fröhliche und wohltuende Zwitschern der Vögel, trinkt seinen milchigen Kaffee, bevor er sich Blatt und Stift nimmt und zu schreiben beginnt. Anfangs schrieb und schrieb er ohne auch nur einmal daran zu denken den Stift kurzzeitig beiseite zu legen. Es waren pulsierende Ströme, die blitzschnell von seinem Herzen durch Venen und Hand in seine schriftlichen Bewegungen flossen. Er konnte Seite für Seite vollschreiben, denn seinem Reichtum an Gefühlen war keinen Grenzen gesetzt.

Wenn sie wie jeden Morgen in ihrer Küche sitzt und sich einen beruhigenden Tee kocht, dann denkt sie über ihr Leben und vergangene Momente nach. Dabei fällt es ihr schwer sich an die positiven und glücklichen, längst verdrängten Gefühle zu erinnern. Eine kalte und sich sträubende Leere wandert durch ihren Körper und durch ihr Herz, welches sie vor langer Zeit verschlossen hatte und seitdem niemand mehr darin einen Platz gefunden hat. Es waren die Briefe, …

… die er schreib, welche ihm jeden Tag aufs neue Hoffnung gaben. Seit dem damaligen Tag vor vielen Monaten gab es keinen Tag, an dem der Postkasten seiner Herzdame leer war. Anfangs war er kreativ und leidenschaftlich, zog alle Kräfte aus seinem Herzen, schrieb die schönsten und romantischsten Texte und Gedichte und gab nie die Hoffnung auf, dass sie sich eines Tages wieder bei ihm melden würde. Doch all die ignorierten Briefe machten ihn schwach im Herzen. Mittlerweile fällt es ihm schwer ganze drei Sätze niederzuschreiben. Es waren die Briefe, …

… die Tag für Tag unversehrt und unbeantwortet in ihren Kamin flogen und zu Asche zerfielen. Anfangs las sie jeden einzelnen. Dabei prallten seine Liebesbotschaften wie harte Steine an ihrer Haut ab. Nichts davon wollte sie wissen. Kälte beherscht sie. Kälte und die Verdängung von Gefühlen und Emotionen. Der Wandspiegel kann mittlerweile ihr aufgesetztes Lächeln nicht mehr sehen. Jedem ihrer Freunde erzählte sie wie glücklich sie doch sei und wie schön das Leben ist. Doch am heutigen Tag, …

… ist er kraftlos. Sein gebrochenes Herz hängt wie ein schwerer Fels in seiner Brust. Der Stift kratzt über das Pergament und nach ungefähr einer Viertelstunde legt er ihn zur Seite. Wie jeden Tag greift er in seine Schublade, zieht einen leeren Umschlag hinaus und adressiert diesen mit der Anschrift seiner Liebsten. Doch dieses Mal landet die Botschaft nicht im Postkasten. Er klebt den Umschlag zu und steckt ihn sich in seine Brusttasche. Als dann wie jeden Morgen …

… der Postmann klingelt und ihr die heutige Post überreicht sucht sie verbittert zwischen all den Prospekten und Rechnungen seinen täglichen Brief. Er war nicht da. Die Fesseln ihres Herzens zersprangen mit einem lauten Knall, glühend heiße Hitze strömte durch ihren Körper und pumpte durch ihre geweiteten Adern. Ein weiterer Knall und die Teetasse zerspringt am Boden vor ihren Füßen. Die Fesseln waren gesprengt. Sie spürte zum ersten Mal wieder Gefühle, Tränen schossen in ihre Augen und die Lippen wurden staubtrocken. Sie spürte, dass etwas nicht in Ordnung sei und machte sich zum ersten Mal Sorgen.

Doch zu dem Zeitpunkt war es bereits zu spät.

Gefällt mir!

Was für ein beschissener Tag! Erst versagt mir früh morgens die Karre auf halber Strecke, dann spuckt mir mein Chef eine Abmahnung wegen wiederholtem Zuspätkommen ins Gesicht und wäre das nicht schon genug gewesen bricht mir beim Öffnen meiner Haustür noch der Schlüssel ab. Wieder einmal hat mich der „Offline-Modus“ so richtig derbe „geOwned“! Ist doch alles scheiße, aber muss ja nicht jeder wissen. Eigentlich bist du doch der Checker vom Dienst. Solche Sachen wie heute Morgen würden Dir doch selbst im Traum nicht passieren! Auf Geht’s auf den Spielplatz der Selbstdarsteller für Ruhm und Aufmerksamkeit – Facebook.

Natürlich ist die Startseite des Browsers genau die Richtige – Man will ja keine Zeit verlieren, sondern jede Statusmeldung gründlich durchforsten, um wieder genügend Lästerstoff für die nächsten Parties zu haben – Denn Lästern macht Spaß! Besonders wenn man sonst nichts zu tun hat und nach Aufmerksamkeit strebt, weil das eigene Leben so trostlos ist. Oh mein Gott !!! Nur noch 106523 Freunde in meiner Freundesliste – Einer weniger! Wie kann das sein?! Ist mein Profil zu langweilig?! Wirke ich einschläfernd mit dem was ich schreibe?! Ist es jemand, den ich gut kenne oder einer von den 106467 Freunden, denen ich bisher nur einmal mittags in der Stadt zugewunken habe?!

„Leute können manchmal so scheiße und hinterfotzig sein!“

Zack! Und gleich nach 30 Sekunden drei „Likes“ und zwei zustimmende Kommentare. Herrlich! Ich bin wieder Mittelpunkt der Gesellschaft. Weiter geht’s. Aha – Peter war gerade Kacken und es roch ziemlich ungesund – „Gefällt mir“…

Leute, Leute, Leute. Wiedererkannt? Hoffentlich nicht! Ich will mich hier nicht aus der Affäre ziehen, denn ich nutze ja auch Zuckerberg’s farbenfrohe Spielwiese und stehe dazu. Aber was man manchmal so liest geht echt gar nicht mehr. Ich habe viel über das Thema nachgedacht, habe mich in diversen Spuren ab und zu selber wiedererkannt. Ist es nicht schlimm wie uns das soziale Netzwerk beherscht? Früher hat man sich gegenseitig angerufen, danach getroffen, gequatscht, Bilderalben zusammen angeschaut etc. Heute sind dafür wenige Knopfdrücke nötig und man muss dafür noch nicht einmal seinen festgesessenen Arsch heben. Wer nicht in einem sozialen Netzwerk ist, der ist automatisch weniger informiert und weniger gefragt. Beziehungskrisen werden öffentlich vor 500 Zuschauern geklärt und der neue Praktikant schildert vor den Augen seines Chefs, wie er letzte Nacht im Vollsuff die süße Blondine nach allen Künsten der Verführung vernascht hat. Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass uns Wörter wie Facebook, Google+ und StudiVZ zu gläsernen Online-Usern machen. Neue Identitäten mit schauspielerischer Kunst werden geschaffen, die den trägen Alltag im realen Leben zu einer glamourösen Onlinescheinwelt verwandeln. Geht’s Dir vor dem Bildschirm scheiße, ist für Dich hinter der Flimmerkiste der schönste Tag der Woche. Die Suche nach Aufmerksamkeit verfällt desöfteren in eigene Untreue. Ich bin gespannt wie sich der Trend in den nächsten zehn Jahren weiter fortsetzt, ob dann die Öffentlichkeit die Farbe der eigenen Socken oder die Marke der benutzten Zahnpasta kennt. Jedoch muss man sich dabei immer selber die Frage stellen: Werde ich das weiterhin zulassen?! Irgendwann ist auch mal Schluss!