[Album] Kettcar - Sylt
Die schonungslose Wahrheit über Deutschland(s Lieblingsinsel)!
Die Zeit ist gekommen. Vor drei Jahren haben wir noch mit den Spatzen und Tauben getrauert, und heute sehen, bzw. hören, wir alles abgeklärter, ruhiger, gefasster aber keineswegs uninteressierter. Das Leben einiger Fans, eigentlich aller Kettcar Fans hat sich in den letzen drei Jahren weiter entwickelt und die Band selbst hat dies auch getan. Die Texte sind allesamt nicht mehr so Leid und Trauer durchtränkt wie in den Vorgänger Alben. Klar "Am Tisch" erleben wir ein gewisses "Balu" Feeling und auch "Hauptsache Glauben" schiebt sich wieder ins Unterbewusstsein in diesen etwas mehr als 4 Minuten. Insgesamt aber wagt das Album mehr als die Vorgänger.
Doch immer schön am Anfang anfangen sage ich mir immer. Dies ist meine erste richtige Albumkritik, somit habe ich mich erstmal gefragt womit ich anfange. Mit den Liedern, der Vorgeschichte, dem Cover oder doch erstmal Namensinterpretation. So wirklich habe ich keine passende Antwort gefunden.
Ich denke ich werde mich so vorarbeiten wie man es normalerweise tun würde, wenn man die CD zum ersten Mal in der Hand hält. Also ein wenig das Cover analysieren, und mich dann über Songs und Texte der Namensinterpretation widmen mit abschließender Gesamtmeinung.
Das erste Mal von Sylt habe ich vor ca. einem Jahr erfahren und war natürlich Feuer und Flame wie das Album den werden würde. Erstaunlicherweise ist das Album ziemlich anders geworden als ich ganz zum Anfang erwartet habe. Die erste Änderung meiner Vorstellungen, die ich noch nicht einmal genau benennen könnte, kam mit der Vorstellung des Albumcovers. Dieses Gemälde "Hochbahn" von David Schnell macht mir immer noch Probleme. Ich komme einfach auf keinen grünen Zweig bei der Interpretation. Ich denke das Bands auch mal Lieder (Cover haben) singen um einfach Lieder (Cover zu haben) zu singen. Was heißen soll, das die Lieder (Cover) nicht zwangsläufig einen Sinn haben müssen. Jedoch würde es mich stark wundern wenn Kettcar, die ja nun eigentlich in allen ihren Songs (Covern) mehr kundtun wollen als der Großteil der "normalen Bands", wie ich sie jetzt mal salopp nennen möchte, Lieder (Cover) ohne Sinn schreiben. Allerdings stellt dieses Cover keinen logischen Zusammenhang um Album oder den Liedern (und der meiner Meinung nach bezweckten Aussage) für mich her. Außer Frage steht das es wunderschön ist und einen zum Nachdenken anregen kann, aber ich zweifele, das dass der einzige Zusammenhang sein soll.
Hat man sich jedoch erstmal über das Cover hinweggearbeitet, was bei mir alleine schon ca. 30 Minuten gedauert hat, ist man erstmal etwas baff. Das erste Lied des Albums und zufälligerweise auch die erste Singleauskopplung von Sylt, der Song "Graceland" geht anders ins Ohr als man es von Kettcar gewöhnt ist. "Graceland" groovt irgendwie, es hat Biss, Feuer ganz anders als die meisten Songs der alten EP's. Klar auch die hatten stärker vorwärts gehende Songs, da wären zum einen das berühmte "Lattenmessen" oder auch (mein erster Kettcar Song) "Ausgetrunken". "Graceland" jedoch hat richtig Power. Doch genau diese Power steht, für mich im krassen Gegensatz zu der eigentlichen Aussage des Textes. Das Lied, von der Geschwindigkeit, dem Rhythmus und den ersten Versen, durchaus als Partysong zu verstehen, will eigentlich gerade diese Partystimmung durchbrechen und auf die Problematik dieser Einstellung aufmerksam machen. Graceland war, wie die meisten ja wissen, Beginn und Ende von einer der "ganz großen" Karieren in der Musikbranche. Doch trotz diesem tragischen Ende, gibt es immer noch "Millionen" von Elvisimitatoren, die probieren diesen Lebensstil irgendwie weiterhin zu verkaufen. In den Worten von Kettcar:
Das ist Graceland Baby!//
Keiner wird erwachsen //
Die kleinen dicken Kinder auf der Suche nach Kuchen //
[...] //
Das ist Graceland Baby! //
Man ist jung oder tot. //
Nur die halbe Welt wartet auf den nächsten Hüftschwung //
Genau diesen Misstand wollen Kettcar direkt am Anfang der Platte aufdecken. Ich denke das gerade Graceland als Opener gewählt wurde um zu zeigen wo diese Reise auf/nach Sylt hingehen wird. Nämlich genau dahin wohin sie auch auf der echten Insel gehen wird. In das verdrängte, verlangsamte aber kontinuierlich als leicht behebbares Problem dargestellte Verschwinden der Insel. Hierbei steht die Insel stellvertretend für unsere Gesellschaft im Allgemeinen. Genau diese Diskrepanz zwischen Realität und Verdrängung ist eins der zentralen Themen auf dem Album und indirekt, jedoch nie wirklich angesprochen, auch auf der Insel Sylt.
Diese zentrale Gesellschaftskritik fächert sich dann unter anderem in die Themen: Freundschaft und auseinander leben ("Am Tisch"), 11. September/Terror ("Fake for real"), Beziehungsstress/Trennung ("Wir müssen das nicht tun"), Größenwahn/Realitätsferne ("Graceland") und auch dem Tod ("Verraten").
Hiervon erkennt man bei manchen Liedern sofort worum es gehen soll, bei anderen allerdings erschließt sich der Zusammenhang erst nach mehrmaligem hören und dem studieren der Lyrics. So habe ich beim ersten hören von "Fake for Real" keine Zuordnung finden können und den Sinn komplett missverstanden. Durch das studieren der Lyrics ist mir allerdings aufgefallen, das es
Türme sind die für Jungfrauen im Himmel fallen //
und dazu ein Gefühl von dem man weiß //
das es nicht mehr in diesem Jahrzehnt verschwinden wird //
Dieses (freie) Zitat macht die Bedeutung dieses Liedes eigentlich ziemlich deutlich. Diese These wird auch von der schaurig schönen Melodie untermalt, welche glatt einem Horrorfilm entstammen könnte. "Fake for Real" ist ganz klar einer der Höhepunkte von Sylt. Prädikat: Extrem Hörenswert!
Ebenfalls sehr Hörenswert ist das Lied "Am Tisch" in dem zwei (alte Schul-) Freunde sich einmal wieder zum Essen treffen. (mit ihren Frauen, denke ich mal) Sie wahren den Schein aber in ihren Gedanken, welche man in Form des Textes vernimmt, fragen sich beide weshalb sie hier eigentlich sitzen. Sie haben sich (einstimmig) auseinander gelebt. Dem einen geht das alles zu schnell und er kommt nicht mehr mit, mit dem Leben [...]. Der Songtext, welcher ein trauriges Thema besingt, wird auch hier von einer perfekt gewählten Melodie untermalt.
Die Melodie verleitet die eigene Persönlichkeit fast in Depressionen, weil man einfach in dem Lied verschwindet. Das liegt zusätzlich noch daran, das zum ersten mal in der Geschichte von Kettcar ein Lied in Kooperation mit einem anderen Sänger entstanden ist und dieser in diesem auch noch zu hören ist. Dieser Sänger ist in diesem Fall "Niels Frevert" wer mal bei "Last.fm" guckt, der wird dort fündig, ansonsten würde ich mal "youtube.com" vorschlagen.
Bevor ich hier jedoch jedes einzelne Lied auseinanderpflücke, will ich lieber noch ein vermutlich etwas längeres Schlusszitat verfassen.
Als Kettcar "Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen" released haben, waren viele der Meinung das dieses Album vermutlich nicht mehr zu toppen sei. Doch wenn man Sylt das erste mal hört erkennt man sofort, dass man hier ein Meisterstück der deutschsprachigen Musik in den Händen hält. Sylt reißt einen von dem ersten Moment an mit. Konsequent werden hier die Probleme der deutschen Gesellschaft aufgezeigt und analysiert. Spätestens bei "Fake for Real" hat dann auch jeder kapiert, dass Kettcar mit diesem Album keine "Balu"s mehr erschaffen möchten sondern die wirklichen, die ernsthaften (ja ich weiß Liebesprobleme sind auch ein ernstes Thema) Probleme ansprechen möchten. Dies gelingt auch verdammt gut und zeigt einmal mehr das deutsche Sprache doch zu mehr als bloß zum Unterhalten benutzt werden kann.





